Geschichte

Die Kleinkunstbühne im Herzen von Friedrichsdorf
Die Kleinkunstbühne „Garniers Keller“, seit rund 35 Jahren im Gewölbekeller des ehemaligen Instituts Garnier beheimatet, ist vielen Friedrichsdorferinnen und Friedrichsdorfern als Adresse für kulturellen und kulinarischen Genuss ein Begriff.

Doch das Gebäude, in dem sich der Keller befindet, blickt schon auf eine wesentlich längere Geschichte zurück. Der als Wohnhaus konzipierte Bau entstand in der zweiten Bauphase zwischen 1750 und 1780 und besticht durch barocke Stilelemente wie das Mansardendach.

Ein Knabenpensionat hält Einzug
Schon im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts änderte sich die Bestimmung des Gebäudekomplexes völlig. Das 1836 von Louis Frédéric Garnier gegründete Knabenpensionat „Institut Garnier“ zog in die damalige Hauptstraße Nr. 107. In den darauffolgenden Jahren erwarb Garnier noch zwei weitere Nebenhäuser und ließ 1857/58 den großen, mittleren Schulbau errichten. Um 1900 war eine stolze Doppelhofanlage mit großem Garten und ausgedehnten landwirtschaftlichen Flächen entstanden. Doch brachten der 1. Weltkrieg und schließlich die Inflation der 1920er Jahre das Aus für die private Lehranstalt.

Neue Zeiten als städtische Schule
Die Umwandlung in eine städtische Mittelschule erfolgte 1925. Sie erhielt 1934 den Namen Philipp-Reis-Schule, benannt nach dem Erfinder des Telefons, und blieb bis 1970 in den Gebäuden des ehemaligen Instituts. Zwei Jahre später ließ sich der Bauhof auf dem Gelände nieder und im Jahr 1977 ging das Anwesen in städtischen Besitz über. Als auch Erna Proescholdt, die letzte Bewohnerin der Familie, 1979 den Hof verließ, kursierten bald zahlreiche Vermutungen über die Folgenutzung. Sogar das Gerücht vom Abriss des Gebäudekomplexes ging in der Stadt um.

Die Idee des kulturellen Zentrums wird geboren
In dieser Zeit kam die Idee der Einrichtung eines kulturellen Zentrums auf, die große positive Resonanz erfuhr und 1980 zur Gründung des Fördervereins „Institut Garnier“ führte. Dieser wollte den Zerfall, Abriss oder Teilverkauf der in Hessen einmaligen Doppelhofanlage verhindern und die zukünftige Nutzung für die Öffentlichkeit als Treffpunkt für Bürger der Stadt sichern. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde unternommen, als der Gebäudekomplex 1981 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Ende 1982 verkaufte die Stadt Teile des Instituts mit der Maßgabe, die Gebäude nach den Richtlinien des Denkmalschutzes zu sanieren und im gleichen Jahr fand die Stadtbücherei ihre Heimat im Erdgeschoss der Hugenottenstraße 117.

Vom Kartoffelkeller zum Kulturkeller
Anfang 1983 beschloss der Magistrat schließlich zu prüfen, ob sich der Gewölbekeller für die Einrichtung eines kulturellen Treffpunktes für Jung und Alt eignet. Sechs Monate später segneten die Stadtverordneten das Konzept des Kulturkellers ab und die Arbeiten begannen. Der ehemalige Kartoffelkeller hatte nur eine Raumhöhe von 2,30 m und stand zudem gut 20 cm unter Wasser. Daher mußte die Sohle ca. 30 cm abgesenkt werden, um eine vertretbare Raumhöhe zu erreichen, und Sperrbeton innen und Drainagen außen sollten den weiteren Zulauf von Wasser verhindern. Notwendig waren auch der Bau von sanitären Anlagen, eines Notausganges, die Schaffung von Lichtschächten sowie der Bau einer äußeren Treppe als Eingang zum Keller.

Noch vor Abschluss aller Bauarbeiten war ein Pächter gefunden und der Kulturtreff „Garniers Keller“ öffnete Samstag, 18. August 1984, um 19 Uhr mit kaltem Büfett und viel Kultur seine Pforten. Den Veranstaltungsreigen begann die in Friedrichsdorf lebende Margot Kugel, deren Aquarelle am Eröffnungsabend gezeigt wurden.

Geflügelter Mensch wirbt für den Keller
Ein Flügelmensch aus der Feder von Frank Leissring und Heinrich Demel wurde zum Markenzeichen des Kellers. Der geflügelte Mann steht in einem großen „G“ – Sinnbild für den Gewölbekeller – und setzt seinen Fuß symbolisch auf die Bühne des Kellers. Trotz wechselnder Pächter – in 20 Jahren fünf Betreiber – blieb das Konzept des Kleinkunstkellers über die Jahre bestehen. „In der Vielfalt liegt die Würze“ hieß es schon damals und ein abwechslungsreiches Programm lockt noch heute Jung und Alt in das Gewölbe.

„Garniers Keller“ – Große Kunst im kleinen Keller
Seit bald 25 Jahren führt Tony El-Haddad mit großem Einsatz den „Garniers Keller“. Mit viel Liebe zum Detail gestaltete er Eingangsbereich und Keller neu. Die Wände im Keller zieren verschiedenste Kunstwerke, von maskierten Figuren, die an den venezianischen Karneval erinnern, bis hin zu einem dickbäuchigen, grotesken Gnom mit grüner Krawatte. Ein facettenreiches Kulturpotpourri von Blues und Jazz über Theater, Kabarett und Lesungen bis hin zu Latin Pop und Folk-Klängen belebt jeden Freitag und Samstag das ehemalige Kartoffellager. Die anheimelnde Atmosphäre des Kulturkellers lässt aber nicht nur den kulturellen Genuss zu einem besonderen Erlebnis werden. Sie lädt auch zu einem angeregten Plausch mit Freunden bei einem Glas Wein und einem Flammkuchen ein.

Haben Sie bisher den Weg in die Gewölbe unterhalb der Stadtbücherei noch nicht gefunden, holen Sie dieses Versäumnis schnell nach. Das geschichtsträchtige Ambiente, die kulturellen Leckerbissen und die freundlich-lockere Atmosphäre werden auch Sie überzeugen, dass ein Besuch von „Garniers Keller“ keine einmalige Angelegenheit bleibt. Und wer denkt bei den künstlerisch gestalteten Wänden noch daran, dass hier einmal Kartoffeln lagerten oder einem das Wasser um die Füße schwappte?

Absenkung des Bodens im Gewölbekeller – 1984

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